Das Fahren macht heute mal wieder besonders viel Spaß. Die Dicke rennt unglaublich gut und wir sind quasi eins. Ich freue mich schon darauf, den Pyrenäen näher zu kommen, denn Mann und Maschine lechzen nach noch mehr Kurven. Erneut kündige ich allen Autobahnen der Welt und fahre über kleinste Straßen weiter. Durch Weinberge geht die Tour - links, rechts, links schwinge ich durch die Kurven und das Wetter ist endlich wieder herrlich. So kann der Urlaub klasse ausklingen...

Doch was ist das? Das Hinterrad schlingert ein wenig. Habe ich Luft verloren? Mist - so kommt der Kompressor im Koffer doch noch zum Einsatz, denke ich und halte in einer kleinen Sackgasse an, um das zu kontrollieren. Doch die Pelle steht wie eine Eins auf der Felge. Die Stollen des Desert haben nur ein müdes Lächeln für die vergangenen Tausende Kilometer. Doch was kann es sonst sein? Radlager? Nö, auch die sind in Ordnung...

Also weiter inspiziert und was sehe ich? Drei Speichen sind gebrochen, und die Nachbarspeichen schlabbern nur so rum. Sch...

Also runter von der Straße in ein Wäldchen, die Dicke zur Vorsicht auf den Hauptständer gepackt und mit Gurten an einem starken Ast gesichert. Zum Glück habe ich (dank der Afrikapläne) alles Nötige dabei.

Das Rad ist schnell ausgebaut, und ich sitze in der prallen Sonne, um mit der Arbeit zu beginnen, als es mich dann doch noch eiskalt erwischt. Fünf Reservespeichen für jede Seite habe ich dabei, aber was ich hier sehe, übersteigt alle meine Vorräte. Ganze acht Speichen hat es zerrissen, und daher hat das Rad auch einen nicht unwesentlichen Schlag. Was nu? ADAC? Der hat mir mit Geduld immer zuverlässig geholfen. Dann wäre der Urlaub aber für die letzten Tage noch gestorben, und der gebuchte Autoreisezug am 2. Okt. wäre "für die Katz"...

Also nicht verzweifeln und ran an die Arbeit! Ich wechsele von links nach rechts, von oben nach unten, und zum Schluss ist das Rad noch ganz passabel gerichtet, auch wenn immer noch drei Speichen fehlen… War´s das für Andorra? Ist nun der kürzeste Weg zum Zug / zu La Clauze der Weisheit letzter Schluss?

Verdammter Mist - ist das ein Urlaub dieses Jahr! "Abenteuer ist nur ein romantisches Wort für Probleme", hallt es wieder durch meinen Kopf. Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!

Nass geschwitzt stehe ich vor dem montierten und mit allem bepackten Bock, ziehe meine Montur wieder über und hebe die Kiste vom Hauptständer.

Lässig kommt Murphy um die Ecke geschlendert und erinnert mich an sein Gesetz: "Wenn irgend etwas schief gehen kann - geht es schief“...

Einheimische in der Umgebung von 2-17 km kennen sich ab sofort wohl bestens mit deutschen Flüchen aus. Ich brüll einfach alles raus, während ich versuche, die locker 350 kg. hoch zu hieven. Bin ich so schwach geworden? Nach vier Versuchen habe ich es immer noch nicht geschafft und will gerade anfangen, das Gepäck wieder abzuladen. Da sehe ich im Staub unter dem Hinterrad einen dicken Stein. Kaum habe ich das Teil weg getreten, ist auch schon das Aufrichten meiner Holden kein Problem mehr, und nach fünf Minuten und einem halben Liter Wasser befinden wir uns wieder auf der Straße. Ab sofort darf man mich wohl der Jogurtbecher-Fraktion zuordnen, denn ich fahre um jede weggeworfene Zigarettenkippe herum, um die Hinterradfelge zu schonen. Witzigerweise ist das erst das zweite Mal nach 165.000 km mit meiner ST, dass mir Speichen gebrochen sind. Mit keinem anderen Motorrad inkl. meiner Vollcrosser habe ich das je erlebt - aber irgendwann ist ja immer das erste Mal... Ich beschließe, heute bis nach Lloret zu fahren. Der Ort ist mir als Hochburg deutschem Tourismus bekannt, und hier werde ich wohl in Werkstätten auch mit Deutsch weiter kommen. Also ist das Risiko (wenn ich denn soweit komme) hier am geringsten.

Trotz der ständigen Sorge um mein Hinterrad und mit absolut übervorsichtiger Fahrweise komme ich dort gut an. Der Zeltplatz Canyelles schließt morgen für dieses Jahr. So ist auch nur noch ein kleiner Teil des Platzes geöffnet, auf dem ich mein Zelt aufbaue. Nach einer laaaannngen heißen Dusche kontrolliere ich noch einmal das Hinterrad, baue das komplette Gepäck inkl. des Tankrucksacks und der Koffer ab und fahre nach Lloret. Die ganzen Pannen haben meinen Trotz auf den Plan gerufen, und ich habe beschlossen, mir die Tour durch solche Erlebnisse nicht versauen zu lassen. Also her mit dem letzten Abend am Meer für dieses Jahr! Ich parke direkt am Strand, kaufe mir einen Snack und esse gemütlich am Strand liegend keine fünf Meter vom Meer, während der Sternenhimmel leuchtet. Ja - so gehört sich das!

Wie ich den Ort von vor gut 20 Jahren in Erinnerung habe, ist er aber nicht geblieben. Den Horden deutscher Touristen, welche grölend von Disco zu Disco gezogen sind und heimische Speisen mit peinlichem Auftreten verspeist haben, sind nun die Briten gefolgt. Die machen ihre Sache aber auch nicht schlechter, und ich muss unwillkürlich an den in der Türkei verhafteten Marco denken, als ich die aufgetakelten Teenies die Promenade entlang torkeln sehe. Nie könnte ich deren Alter zuverlässig schätzen...

Ich kaufe mir also noch eine Flasche San Miguel als Nachtisch und fahre zurück auf den Zeltplatz. Mit meinen Kumpels, den wirklich sehr seltsam aber nicht hässlich aussehenden Moskitos, trinke ich also gemütlich die Pulle Bier und kann danach sehr gut schlafen. Nun kommen auch die Moskitos zum Zug, die wohl Spaß an meinem promillegestärkten Lebenssaft haben...

Wieder einmal starte ich sehr früh. Nachdem ich meine Sachen gepackt habe, steht auch wieder einmal mein Entschluss für die letzte echte Urlaubsetappe. Ich habe beschlossen, mir nicht meine Pläne durch die Speichen durchkreuzen zu lassen und werde wie ursprünglich geplant über Andorra nach Las Clauze fahren. Wir haben den 30.9.08, und erst am 1.10 geht der Autoreisezug ab Narbonne. Die Nacht vom 31. auf den 1. habe ich ja bei Holger in Las Clauze gebucht, und so habe ich genug Zeit, das "kleine" Risiko einzugehen, Alpenstraßen zu fahren.

Vorsichtig fahre ich eine sehr schöne Strecke über Vic und Ripoll immer Andorra entgegen. Schade, dass ich dieses Jahr gar nicht bei El Carro vorbei gekommen bin...; das hole ich aber bestimmt einmal nach.

Trotz schönem Wetter bläst der Wind wieder einmal ordentlich kalt, und trotz eingeschalteter Griffheizung bin ich froh, als ich einen leckeren Cafe con leche in einem Restaurant hoch in den Bergen in der Hand halte. Wirklich entspannend ist die Fahrt nicht, immer mit den Gedanken beim Hinterrad. Wäre die Strecke nicht so klasse und das Wetter erfrischend schön, hätte ich bestimmt einen Hals, weil ich die Straße nicht sportlich nutzen kann.

Nach 234,5 km lande ich gesund und ohne Probleme am Pas de la Casa in Andorra, wo mich schon niedrige Preise der Tankstellen grüßen.

Natürlich kehre ich wieder einmal im Hotel Ruiz ein. Zwar unterziehe ich den Ort zuvor noch einer Marktanalyse, denn das, was ich haben möchte, bekomm ich hier wie es aussieht am günstigsten. Auf eine Top-Aussicht mit Balkon... kann ich heute verzichten. Ich habe noch anderes vor. Die Wirtschaft soll doch angekurbelt werden... Nachdem ich mich im Zimmer ordentlich breit gemacht habe, schlendere ich noch durch die Stadt, und neben Mitbringseln für die daheim Gebliebenen kann ich nach Internetrecherche und einer weiteren Marktanalyse im Ort auch den marokkanischen Diebstahl zum Teil kompensieren...

Mit spanischem Schinken, Brot, einem Carachillo Anis... endet der Abend vor dem TV auf meinem Zimmer. Es läuft Starsky & Hutch :-)

Um 9:30 starte ich aus der Garage des Hotels zu der letzten Verbindungsetappe nach Las Clauze. 177,8 km spurte ich durch die bekannt schöne Landschaft ab. Leider kann ich das Hinterrad nicht wirklich aus meinen Gedanken vertreiben und eiere vorsichtig über die Passstraßen, nicht ohne endlich wieder Fotos machen zu können. Mit meinem Colorado hadre ich etwas, denn es schickt mich über kleinste Straßen wie die D10 durch die Pampa. Normalerweise ist das natürlich total nach meinem Geschmack, aber da ich bei jedem Knubbel auf der Straße zusammenzucke und das Hinterrad so gut wie möglich entlaste, ist diese Strecke doch eine "Sonderprüfung" für mich. Die Franzosen haben dann auch noch einen Paetschman-Magneten aufgestellt. Am Decathlon kann ich wieder einmal nicht vorbei fahren, und so kaufe ich nach den neuen Trekking-Sandalen aus Elche hier noch ein großes Tourenhandtuch zu einem Superpreis. Über Carcasson geht es bei strahlendem Sonnenschein zum letzten Übernachtungsplatz dieser Tour.

Übernachtungsplatz - der Ausdruck wäre natürlich eine Frechheit für Las Clauze. Wieder einmal empfängt mich allerfeinstes Wetter, ein schöner Platz für meine Dicke und mich und ein Abendessen, das alles Dagewesene dieser Tour toppt. Whow - was habe ich die letzten Male mangels einer frühzeitigen Reservierung verpasst! Das passiert mir wohl nicht noch einmal. Das nächste Mal werde ich wohl auch noch eine Übernachtung im Haus drauflegen.

Es wird ein wirklich netter Abend in der großen Runde der anwesenden Zweiradfahrer. Die setzen sich zu fast 100% aus der Boxerfraktion zusammen und erzählen mir, dass der Autozug morgen nicht in Narbonne starten wird. Was ich zuerst für einen saudummen Scherz halte, entpuppt sich aber nach einem Anruf beim DB-Service als Realität. Ich kam zwar nicht in den Genuss, wie einige andere via SMS oder Anruf informiert zu werden, aber die gut aufgelegte Mitarbeiterin der Bahn sichert mir zu, eine Email gesendet zu haben. Klasse, die denken echt mit! Hilft mir natürlich total, dass ich die Email nun zu Hause habe! Grrrrr die x-te! Den Frust spüle ich noch mit einem vorzüglichen Rotwein herunter und rolle mich in die Pooftüte, während sich der Sternenhimmel über meinem Zelt ausbreitet...

Um heute nicht auch noch das Letzte zu riskieren, fahre ich dann ab Beziers doch noch auf die Autobahn, um die letzten 182 km nach Avignon pannenfrei zu bewältigen. Augen für die Strecke habe ich kaum noch, denn die Sorge vor einem Bruch der verbliebenen Speichen sitzt mir im Kopf. Dank des Colorado finde ich den Bahnhof sicher und kann auch noch einen verirrten 1200 GS-Treiber auf den "rechten Weg" bringen. Die Aussage, dass alles ausgeschildert ist, wird schnell als Witz entlarvt. Ohne Navi - keine Chance.

Am Bahnhof treffe ich dann auch noch ein Paar der Las Clauze-Truppe wieder, und wir erzählen weiter Travellergeschichten, bis der Zug mit einstündiger Verspätung wahrhaftig losfährt. Wir waren erst beruhigt, als die Motorräder verladen waren, hatten wir doch befürchtet, schlussendlich vielleicht noch ganz draufgesetzt zu werden.

Ich leiste mir im Bordrestaurant noch einen Rotwein und ein Essen und erhalte das Essen auch. Nach ein bisschen Smalltalk verziehe ich mich dann in die Koje, um den Kampf gegen die Schlaflosigkeit der Fahrt aufzunehmen. Um 3 Uhr wechsele ich wieder ins Bordrestaurant, weil ich mich hier zumindest ausstrecken kann, wo keiner schnarcht und wo Sauerstoffanteile in der Luft sind. Um 6:30 wechsele in wieder in die Koje und erlange endlich etwas Erschöpfungsschlaf. Um 9:30 spuckt mich der Zug in Düsseldorf aus, und im Regen fahre ich die letzten Kilometer nach Hause. Als ich sehe, dass es in Wuppertal nicht regnet, wird mir alles klar - Klimakatastrophe! :-)